Talk Im Schloss 001 – Ein Leben voller Rundfunk | Podcast

talkimschloss
Die erste Ausgabe von Talk im Schloss mit Reinhard Krol als routinierter Gast und Julian Burmeister als frischgeborener Talker. Anhand des Berufswegs von Herrn Krol talken sich die beiden durch viereinhalb Jahrzehnte Radio in Deutschland. Der SDR-Intendant von damals hieß Hans Bausch. Randnotiz: Notizen machen! VOR dem Gespräch!

Subscribe in a reader

War für Musiker früher alles besser?

Die FrageSoll ich heutzutage besser nicht Musiker werden?

Nein. Ja.
Ein Gedanke der mich schon etwas länger begleitet. Warum eigentlich? Es ist doch offensichtlich dass wir heute, in diesem unserem Europa, nicht verhungern müssen wenn wir einen Beruf wählen der wie Musik in den Köpfen der meisten unter brotloser Kunst rangiert.

Ich bin verleitet anzunehmen dass es so etwas wie „den mittelständigen Musiker“ in vergangenen Epochen nicht gegeben hat. Nicht gegeben haben kann. Am ehesten in Form des Kirchenmusikers vielleicht. Auch Orchester gibt es schon seit hunderten von Jahren, das Orchester des Staatstheaters Kassel schon seit 1502. Doch wenn ich im gleichen Wikipediaartikel lese dass es derzeit knapp 10000 Planstellen für Orchestermusiker in Deutschland gibt, bei einer Bevölkerung von über 80 Millionen wohlgemerkt, kommt mir der Gedanke dass der Musikeranteil unter uns Deutschen nie so besonders hoch gewesen sein kann. Ich wüsste gerne wie die Ratio sich über die Zeitalter verändert hat, ich gehe aber mal davon aus dass es da keine allzu extremen Ausschläge gegeben haben wird. Und damit ist Deutschland auch noch weltweit führend.

Es muss einfach mehr Geld auf der Welt gegeben haben
Damit kommen wir zur jüngsten Zeit, der Nachkriegszeit. Ich komme für mich selbst langsam zu dem Schluss dass wir hier eine abgeschlossene goldene Ära hinter uns haben – nicht nur für den ausführenden Musiker, sonder auch den Musiklehrer. Diese Jahre waren nicht nur von der Herrschaft der Tonträger gekennzeichnet, sondern auch eine Zeit der musikalischen Revolution und Neufindung. Plötzlich stand der studierte Musiker da und musste mitansehen wie Rocker, Folker, Blueser, Punker und Soulmusiker den größten Teil der Berühmtheit, der Beliebtheit, des Ansehens und des Geldes abräumten. Aber es war genug für alle da. Es gab Filmorchester, Theaterorchester, Studios die für Aufnahmen noch richtig Geld zur Verfügung hatten und schließlich auch mehr zahlende Konzertgänger.

Und was ist mit Pop?
Aus der Perpektive des Popmusikers ist das alles natürlich wieder ein anderes Paar Schuhe. Viele von Ihnen waren nicht gerade auf Sicherheit bedachte Materialisten. Oder wie lässt es sich erklären dass sie ohne lange zu zögern hinauszogen um neue Musikrichtungen mal eben zu erfinden und damit die Welt zu verändern? Soetwas plant doch keiner.

Die Antwort lässt sich vielleicht in zwei Gründen finden:

a) die Gesellschaft in Deutschland war satt und jeder hatte Arbeit. Es wurden sogar Leute im Ausland angeworben weil es nicht genug Arbeitskräfte gab für die viele Arbeit. Was macht das mit Dir als jungem Menschen? Wenn Dir an jeder Ecke ein Job angeboten wird. Wenn du weißt dass Du soetwas wie eine Jobgarantie hast falls Du dank eines Studiums zum Akademiker wirst. Ein Studium dass Du vermutlich ohne Anwesenheitspflicht bestreiten kannst. Und auch ohne Hochschulabschluss gab es tolle Jobs. Briefzusteller zum Beispiel mit Verbeamtung auf Lebenszeit. Jeden Tag nach vier, fünf Stunden Feierabend, bei einem Job der für Vollzeit bezahlt wurde. Was macht das mit Dir? Genau. Du fühlst Dich wertvoll. Geschätzt. Gesucht. Unverwundbar. Also losziehen, Musik machen!

b) die Gesellschaft in Deutschland hatte nicht viel. Von der Zukunft zum Beispiel. Deutschland war ein Pufferstaat im kalten Krieg und jeder wusste dass es nur eine Frage der Zeit war bis es zwischen Ost und West krachen würde. Außerdem saßen noch überall die alten Nazis in ihren Ämtern und lebten ihre rechten Angewohnheiten aus. Was macht das mit Dir wenn Du weißt dass es in dieser Welt stets um diesen Krieg im Hintergrund geht, ein Krieg den Deutschland zwar diesmal nicht veschuldet hat, aber dessen Geisel es zu sein schien? Mit Druck der vom Polizeiapparat auf Menschen linker Gesinnung ausgeübt wurde. Mit alten Menschen die Dich auf der Straße schlugen weil Du lange Haare hattest. Was macht das mit Dir? Genau. Du fühlst Dich ausgeschlossen. Übergangen. Missbraucht. Begraben. Also losziehen, Musik machen!

Meines Erachtens nach haben sich diese beiden Gründe heute überlebt. Die Popmusik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hat genau dank dieser Entwicklung begonnen zu verblassen. Sie wird weitgehend zum Soundtrack neuer Medien, von lustigen YouTube-Filmen, Konsolenspielen oder Apps.

LetsPlayer sind die neuen Popstars
Und da haben wir auch schon das JA. Ja, früher hatten Musiker noch die Begeisterung und den Respekt der meisten ihrer Altersgenossen und DAS liebe Leute ist mehr Wert als alles Geld was Du mit einer Platte damals oder einem Download heute verdienen kannst. Es gibt Dir das Gefühl der Wertschätzung, dass das was Du tust einen Nutzen für alle hat, einen ideellen Wert besitzt und von kultureller Bedeutung für die Menschheit ist. Damals war Musik alles. Das einzige was es für junge Leute gab. Doch diese Nische hat sich schnell gefüllt. Und jetzt treten Musiker in Konkurrenz mit Videokünstlern, LetsPlayern und vielen anderen. Gäbe es Medallien für die meisgesuchten Personen auf Google wären Helene Fischer und der LetsPlayer Gronkh auf dem Treppchen gestanden – vor Bushido und Cro. Helene Fischer ist nun eher nicht das was Sven Regener mit endemischer Musik gemeint hat. Da wäre wohl nur Dubstep anzuführen.

Wird von Musikern meistens doch nur zum Unterrichten benutzt: die Konzertgitarre

Wird von Musikern meistens doch nur zum Unterrichten benutzt: die Konzertgitarre

Bleibt alles sch*#% schwierig
Wenn Musik mit seinen Ausprägungen (CD-Verkäufe, Radiostationen, Musiksender) also hinter den neuen Medien verblasst auch die LetsPlayer schon anfangen Konzerthallen mit ihren Events zu füllen, dann bleibt die Frage natürlich nach dem NEIN.
Und viel gibt es da auch nicht zu sagen. Wer sich präsentieren möchte hat heute mehr denn je Gelegenheit dazu auf YouTube, neben mehr Konkurrenz denn je wohlgemerkt. Und wer selbst Musik für die Nachwelt aufnehmen möchte hat mehr denn je die Möglichkeit mit einem Computer die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ist das positiv? Hm, ja und nein. Es bringt einfach mehr Verantwortung mit sich. Die Sex Pistols mussten damals so gut wie gar nichts machen. Sie haben auf den Instrumenten rumgedroschen und der Rest wurde vom Management erledigt. Wodurch sie im Prinzip Marionetten der Gelddruckmaschinerie wurden. Heute wären sicherlich auch viele Musiker gerne Marionetten. Aber so wenig wie die Pistols damals danach gefragt wurden ob ihnen das passt, so wenig fragt uns heute einer.

Do it yourself
Alle anderen, herrkömmlichen Chancen sind für junge Musiker so verschwindend gering geworden dass man wirklich von einer brotlosen Kunst sprechen darf. Die meisten schmeissen nach ein, zwei Jahren hin. Manche ziehen vielleicht noch ihren Studiengang an einer Popakademie durch und gründen dann irgendwo eine Musikschule. Die Leute die nach diesen ersten fünf Jahren noch dabei sind machen wirklich das meiste selbst. Und haben sich ein Netzwerk aus Schicksalsgefährten aufgebaut. Immer lauernd auf ihre Chance. Immer auf der Ochsentour von Gig zu Gig, in der Hoffnung den ein oder anderen Fan zu gewinnen. Mit noch frischeren Ideen als die Konkurrenz. Besseren Songs. Innovativeren Konzepten.

Das ist die Realität. Ob sie besser oder schlechter als früher ist, muss jeder für sich selbst entscheiden der erwägt diesen Pfad einzuschlagen. Ich denke wer es schafft mit seinem Instrument, seiner Stimme, seinen Stücken, Songs, Liedern und vor allem sich selbst zufrieden zu sein und sich an seiner Kunst völlig unabhängig vom Feedback anderer erfreuen kann, der wird dem Misserfolg, der Durststrecke und dem Arbeitsamt trotzen können. Und vielleicht auch beim Publikum am besten rüberkommen. Wir sind gespannt.

Erfolgreiche Musiker

Als Eröffnung für diesen neuen Musikerblog direkt mal eine provokante These! Klar, echte Künstler scheren sich nicht um profane Dinge wie Erfolg – doch wer kann sich das heute noch leisten? Laut dem ttt-Magazin rutschen Musiker heute immer mehr ins Prekariat ab. Es findet heute schon ein beinharter Verdrängungswettbewerb statt, nicht mehr nur bei den publizierenden Künstler, auch Musiklehrer sind immer mehr betroffen.